Volksabstimmung über das Jagdgesetz: 6 Gründe für ein «NEIN»

Update Juni 2021

Trotz «Nein» zum revidierten Jagdgesetz: Parlament lockert Wolfsschutz

Nachdem bei der Volksabstimmung im September 2020 gegen eine Revision des Jagdgesetzes entschieden wurde, beauftragte das Parlament den Bundesrat mit zwei Motionen, den Wolfsschutz auf Verordnungsstufe zu lockern. Der Bundesrat hat am 30. Juni 2021 die revidierte Jagdverordnung genehmigt: Ab dem 15. Juli 2021 gelten die neuen Regeln.

Es wird den Kantonen nun rascher erlaubt, Wölfe zu töten: [1]

  • Wölfe eines Rudels dürfen gemäss der angepassten Jagdverordnung getötet werden, wenn zehn Schafe oder Ziegen gerissen worden sind – zuvor waren es 15 gerissene Tiere. Risse dürfen wie bisher nur angerechnet werden, wenn in den landwirtschaftlichen Betrieben zuvor Herdenschutzmassnahmen wie die Umzäunung der Herden ergriffen wurden.
  • Bei grossen «Nutztieren» wie Rindern, Pferden, Lamas und Alpakas ist die Schadenschwelle präzisiert worden: Für einen Eingriff in ein Rudel reichen bereits zwei Risse.
  • Auch beim Abschuss von Einzelwölfen, die Schaden anrichten, sinkt mit der Revision der Verordnung die Schwelle von bisher 15 auf zehn gerissene Schafe und Ziegen, wenn zuvor Herdenschutzmassnahmen ergriffen worden sind.
  • Bei Rindern, Pferden, Lamas und Alpakas sind neu ebenfalls zwei Risse nötig, damit ein Kanton den Abschuss verfügen kann.
  • Für Gebiete, in denen Wölfe bislang keine Schäden an «Nutztierbeständen» angerichtet haben, liegt die Schadenschwelle bei 15 statt 25 Tieren in einem Monat bzw. bei 25 Tieren in vier Monaten statt 35 Tieren im gleichen Zeitraum. Hier können auch «Nutztierrisse» mitgezählt werden, bei denen Herden nicht durch Schutzmassnahmen wie Zäune vor Wölfen geschützt waren

Die angepasste Verordnung respektiert das Resultat der Volksabstimmung über das revidierte Jagdgesetz. Die Kompetenz für Eingriffe in ein Rudel bleibt beim Bund. Der Bundesrat hat nun jedoch die Regeln zur Regulierung des Wolfbestandes in Eigenregie justiert und die Hürde für Abschüsse deutlich gesenkt – und zwar im Eiltempo. Das Leben der Tiere ist somit nun weitaus mehr in Gefahr als zuvor. 

Originaltext von September 2020

Am 27. September 2020 stehen in der Schweiz wieder die Volksabstimmungen vor der Tür. Eine der Vorlagen behandelt die Änderung des Jagdgesetzes. Hier erfahren Sie, worum es dabei geht und weshalb Sie dringend mit «Nein» abstimmen sollten.  

Revision des Jagdgesetzes

Seit Inkrafttreten des Jagdgesetzes im Jahr 1986 haben sich die Populationen zahlreicher bedrohter Tierarten wie Biber, Höckerschwan und Wolf wieder erholt. Obwohl dies sehr erfreulich ist, stösst diese Tatsache vermehrt auf Kritik in der Land-, Alpwirtschaft als auch der Fischerei, da die Entwicklung für diese Wirtschaftszweige einen potenziellen Einbruch der Profite bedeutet. Vor diesem Hintergrund hat das Parlament 2019 einen neuen Entwurf für das Jagdgesetz erarbeitet, dessen Revision nun Ende September zur Abstimmung ansteht. [2] [3] Eigentlich stellt die Überarbeitung des Jagdgesetzes eine Gelegenheit dar, um gefährdete Tierarten, die immer noch gejagt werden dürfen, endlich unter Schutz zu stellen. Doch leider wurde diese Chance vertan. 

Nachfolgend finden Sie die sechs wichtigsten Gründe, warum Sie das geplante Jagdgesetz bei der Volksabstimmung am 27. September nicht unterstützen sollten:

1. Erleichterter Abschuss der Wölfe

Im Zentrum der Änderung des Jagdschutzgesetzes stehen die Wölfe, für deren hohen Schutzstatus eine Lockerung geplant ist. Momentan leben laut der Website des Bundesamts für Umwelt (BAFU) nur ca. 80 Wölfe in der Schweiz. [4] Durch die Änderungen im Gesetz gilt der Wolf als «regulierbar» und darf deshalb geschossen werden, auch wenn er keinen Schaden angerichtet hat. Bisher war der Abschuss nur möglich, wenn Wölfe einen «erheblichen Schaden» verursacht haben, d. h. eine gewisse Anzahl Schafe und Ziegen getötet oder Menschen unmittelbar bedroht haben. Das neue Gesetz erlaubt also Töten ohne «Grund». Mit dem revidierten Gesetz werden zudem Kompetenzen vom Bund zu den Kantonen verlagert: Bisher brauchte es eine Zustimmung des Bundes, damit die Kantone geschützte Tiere wie den Wolf abschiessen konnten. Die neue Reglung sieht vor, dass die Kantone keine Zustimmung des Bundes mehr benötigen. Sprich: Der Abschuss wird leichter und schneller möglich, und die Kantone können den Abschuss grundsätzlich auch gegen die Empfehlung des Bundes verordnen. [2] [4] [5]

wolf jagd

2. Keine Verbesserung für Natur, Mensch oder Tier

Die Befürworter argumentieren, das neue Gesetz biete mehr Sicherheit für Natur, Mensch und Tier. Beim Lebensraumschutz kommt es jedoch zu keiner wirklichen Verbesserung, denn Wildtierkorridore werden bereits heute als <<schützenswerte Lebensräume>> anerkannt. Mit dem neuen Gesetz würden sie nicht schneller geschützt oder saniert werden, sondern lediglich der Geldfluss vom Bund an die Kantone würde neu geregelt werden. Auch wird die Sicherheit von Menschen heute bereits gewährleistet, denn (auch geschützte) Wildtiere, die Menschen gefährlich werden, können mit dem heutigen Jagdgesetz zur Gefahrenabwehr getötet werden. Die Revision bietet zudem keine Verbesserungen für den Tierschutz – ganz im Gegenteil: Das Leben vieler geschützter Tierarten wie Braunbär oder Höckerschwan wird unsicherer, da die Tiere leichter zum Abschuss freigegeben werden können. [4] [6] [7] 

3. Wirtschaftliche Interessen über dem Leben von Tieren

Hinter dem neuen Jagdgesetz stehen unter anderem der Schweizer Bauernverband und der Verband Jagdschweiz, denn Wirtschaftlichkeit spielt hierbei eine bedeutende Rolle, auch für den Bund. Dieser unterstützt die Schafhaltung jährlich mit über 20 Millionen Franken. Der Wolf wird in diesem Gesetz besonders ins Visier genommen, da er für eine gewisse Anzahl Schafverluste verantwortlich ist – nämlich für jährlich durchschnittlich 400 (unter 100 in geschützten Herden) von insgesamt 350‘000 in der Schweiz lebenden Schafen. Verluste durch beispielsweise Unfälle, Krankheiten und Steinschläge sind hingegen für ca. 4200 Schafstode pro Jahr verantwortlich. Etwa die Hälfte aller Schafalpen haben keinen Herdenschutz, doch anstatt solch einen Schutz durch konkrete Regeln zur Erstellung von Zäunen zu stärken, wird die Jagd als Lösung beworben. [2] [4] [5]. Die angebliche Sorge einiger Landwirte um das Wohl ihrer Schafe und Ziegen ist zudem Heuchelei, denn schliesslich werden die Tiere nach kurzer Zeit von den Tierhaltern selbst zum Schlachter gegeben. Vielmehr wollen Landwirte nicht die Tiere, sondern nur ihre Einnahmequellen schützen. Jäger wiederum dulden keine Konkurrenz von Wildtieren in ihren Revieren.

4. Erhöhtes Risiko für geschützte Tiere

Vor allem Umwelt- und Tierschutzorganisationen, aber auch Politiker kritisieren das revidierte Gesetz und haben deshalb das Referendum ergriffen. Denn mit dieser Gesetzesänderung könne der Tier- und Artenschutz reduziert und aufgeweicht werden. Die Befürchtung ist gross, dass der Bundesrat auch weitere geschützte Tiere zum Abschuss freigeben könnte, denn er kann die Liste der «regulierbaren» Arten per Verordnung – also ohne Kontrolle durch Parlament und Volk –erweitern. Somit könnten schon bald weitere geschützte Wildtiere auf dieser «Abschussliste» landen und somit zum Töten freigegeben werden. [2] [4] [7] 

5. Artenschutz durch das neue Gesetz geschwächt

Die Revision gefährdet den hiesigen Artenschutz, denn Tiere könnten schon jetzt ins Visier genommen werden, ohne dass sie je Schäden angerichtet haben, und willkürlich auf die «Abschussliste » gesetzt werden. In der Schweiz stehen 506 Arten unmittelbar vor dem Aussterben. Das Rebhuhn beispielsweise galt bereits seit einiger Zeit als stark bedroht, doch die Vögel durften weiterhin gejagt werden. Laut der schweizerischen Vogelwarte Sempach ist die Art nun seit letztem Jahr in der Schweiz ausgestorben. Trotzdem wurde keine Unterschutzstellung verletzlicher Arten bei der Revision einbezogen, sondern nur eine Lockerung des Abschusses geschützter Tiere in die Wege geleitet. «Nur» einige Wildentenarten werden durch das revidierte Gesetz geschützt, und mit der Begründung der Schweizer Jagdtradition und somit auch des Profits dürfen die anderen Wildentenarten zum Abschuss freigegeben werden. Beispielsweise schützt das neue Gesetz bedrohte Arten wie Birkhahn und Schneehuhn nicht, die bei der Trophäenjagd oftmals grausam getötet werden. Auch der als geschützt geltende Steinbock, der hauptsächlich bei Trophäenjagden getötet wird, wird im neuen Jagdgesetz neben dem Wolf explizit als «regulierbar» genannt. Die Rolle, die der Profit bei dieser Abstimmung einnimmt, wird noch einmal verdeutlicht, denn gewisse Kantone verdienen an solchen Abschüssen, die oft auch an ausländische Jagdtouristen verkauft werden, eine Menge Geld. Bei weiterer Gefährdung durch die Jagd droht den Tierarten jedoch das Aussterben. Dass der Schweizerische Forstverein sich gegen das revidierte Gesetz ausspricht, verdeutlicht, dass dieses nicht im Sinne des Artenschutzes ausgelegt ist. [2] [4] [6] [7] [8] [9] [10]

6. Keine wildbiologische Begründung für die Jagd

Wissenschaftliche Studien über Wildtiere belegen, dass sich Wildtierpopulationen aufgrund von sozialen Gefügen und Umwelteinflüssen, wie verfügbares Nahrungsangebot, Klima und Krankheiten, selbst regulieren. Weitere Studien belegen, dass die Vermehrungsrate der betroffenen Wildtierpopulationen in stark bejagten Gebieten ansteigt, da die Jagd Familienverbände und Sozialstrukturen zerstört und dazu führt, dass sich die Tiere unkontrolliert und losgelöst von ihrem natürlichen Fortpflanzungsrhythmus vermehren. Durch die intensive Bejagung sinkt zudem die Lebenserwartung der Wildtiere drastisch. Dies hat eine frühzeitige Geschlechtsreife zur Folge, was die Geburtenrate ansteigen lässt. Weitere Untersuchungen belegen, dass Wildpopulationen nicht durch Beutegreifer, sondern durch Umwelteinflüsse wie Witterung, Nahrungsverfügbarkeit oder Krankheiten reguliert werden. [11] [12] [13] Die jagdlichen Beschränkungen im Kanton Genf sollten hier als Vorbild dienen.  

WAS SIE TUN KÖNNEN

Stimmen Sie mit «Nein» gegen die inakzeptable Überarbeitung des Jagdgesetzes. Klären Sie bitte auch Ihre Freunde und Bekannten über die sinnlose und kontraproduktive Jagd auf. Helfen Sie, Tieren einen qualvollen Tod zu ersparen und den Artenschutz zu stärken.