Ukraine: Interview mit Tierretterin an der Front

In der Ukraine leiden zahllose Tiere: Bomben, Kälte und Hunger prägen ihren Alltag. Im Rahmen des Projekts PETA HELPS UKRAINE sorgt PETA gemeinsam mit der ukrainischen Partnerorganisation Animal Rescue Kharkiv dafür, dass unzählige vor dem massiven Leid gerettet werden. PETAs Global Compassion Fund unterstützt die Rettungskräfte im Krisengebiet dabei, Tierleben zu retten, ermöglicht ihnen einen sicheren Zufluchtsort und die Vermittlung in ein liebevolles Zuhause.

Simone Eisenbeiss gehört zu den mutigen Menschen vor Ort, die täglich ihr eigenes Leben riskieren, um das von zahllosen Tieren zu retten. Seit fast zwei Jahren ist die Schweizerin freiwillig für PETA in der Ukraine im Einsatz, um Tiere in Not zu retten – immer wieder über einige Monate hinweg. Trotz ihres gefährlichen Alltags an der Front hat Simone sich Zeit genommen, um per Live-Schaltung ein bewegendes Interview mit PETA zu führen. Dabei erzählte sie von den Herausforderungen, von einer unvergleichbaren Rettungsaktion und von den unvergesslichen traurigen, aber auch schönen Momenten bei ihrer Arbeit.

Interview: Tierretterin Simone Eisenbeiss im Einsatz für PETA HELPS UKRAINE:

PETA: Wie fühlt sich die Lage aktuell an? Wie sind die Rettungsmissionen im Vergleich zu vor einem Jahr?

Simone: Die Evakuierungen haben sich im Vergleich zu vor einem Jahr extrem stark verändert. Es geht darum, wie der Krieg geführt wird und wie wir am sichersten sein können. Wir sehen jede Woche, wie sich die Technik im Krieg weiterentwickelt – und das ist für uns eine riesige Herausforderung. Wir müssen mit dieser Dynamik umgehen und Taktiken entwickeln, wie wir die Evakuierungen am besten machen können.

Vor einem Jahr gab es noch nicht so viele Drohnen wie jetzt. Als wir beispielsweise in Torezk Tiere gerettet haben, waren dort natürlich viele Drohnen – die Gefahr war immer sehr hoch. Aber jetzt, sobald man nicht einmal 40 Kilometer von der Front entfernt ist, ist die Drohnengefahr schon extrem hoch. Sie kommen immer weiter ins Land hinein.

Man geht eigentlich immer mit einem mulmigen Gefühl jetzt in Richtung Donbas. Es könnte überall eine Drohne sein. Man muss sich einfach bewusst sein, dass man nie wirklich weiss, wann und wo es zu einem Zwischenfall kommt. Aber das ist für uns natürlich kein Stoppsignal, dass wir jetzt aufhören, Tiere zu retten. Es ist einfach eine neue Herausforderung und wir müssen Wege finden, mit diesem Problem umzugehen – und das funktioniert auch.

Simone und ihr Team geben jeden Tag aufs neue alles für die Tiere.


PETA: Wie geht ihr mit diesem Risiko um? Wie schaffst du das ganz persönlich?

Simone: Man muss sich sehr stark bewusst sein, was unser Einsatz für Konsequenzen haben kann. Natürlich muss man damit rechnen, dass man verletzt wird – sogar mit dem Tod. Aber wenn man dann die Tiere auf die Waagschale legt, die man gerettet hat, und die, die noch gerettet werden müssen … und auf der anderen Seite das, was man vielleicht hergeben muss – das eigene Leben. Es ist nicht einfach, aber es zeigt, dass das eigene Leben genau gleich viel wert ist wie das Leben eines Tieres. Und ich finde diesen Gedanken sehr schön, dass wir unterstützt werden – das gibt einem Hoffnung.

In solchen Momenten ist es auch wichtig zu erkennen, dass man klar bleiben muss und dass man Wege findet, damit umzugehen. Wenn wir an die Front gehen, ist es manchmal zum Beispiel sicherer, wenn man den Helm auszieht. Man muss verstehen, dass die Drohnen nach Militärleuten suchen. Sie gehen gezielt auf Menschen, die einen Helm oder eine Schutzweste tragen. In manchen Gebieten ist es also sicherer für uns, wenn wir weniger Sicherheitsausrüstung tragen. Viele verstehen das nicht, aber wenn man die Situation dann versteht und dann auch mit Logik agiert, dann ist man sicherer.

Simone ist permanent im Kriegsgebiet im Einsatz, um die Tiere zu retten.

PETA: In welchem Zustand befinden sich die meisten Tiere?

Simone: Sehr krank. Wir beobachten, dass die Tiere immer kränker werden. Sie haben viel mehr Krankheiten und sie sind auch extrem dünn. Und es sind einfach unzählige Tiere. Je länger der Krieg dauert, desto unglaublich viel mehr Tiere gibt es, die sich auch vermehren und auch wieder Krankheiten in sich tragen.

PETA: Gibt es auch Momente in den vergangenen Monaten, an die ihr gerne zurückdenkt? Gibt es eine Rettungsgeschichte, die euch besonders im Herzen geblieben ist?

Simone: Ja, das ist noch gar nicht lange her. Ich war mit Ruslan, ebenfalls Teammitglied von uns, unterwegs. Wir gingen nach Rajske und die Situation dort hat sich in wenigen Wochen sehr stark verändert. Es wurde immer gefährlicher. Wir suchten in einem völlig zerstörten Haus nach einer Katze. Es war wirklich nur noch eine Ruine und ich wusste nicht, ob dieses Tier überhaupt noch da ist.

Es war wirklich eine sehr gefährliche Situation, weil überall Drohnen waren. Dann sahen wir die Katze, die stark abgemagert war. Sie lag auf der Veranda und wartete auf ihre Halter:innen. Sie hatte kein Wasser, keine Nahrung. Aber sie war da und wartete wirklich darauf, dass ihre Halter:innen zurückkommen. Das tat mir dann wirklich weh im Herzen. Ruslan und ich wussten, diese Katze muss hier weg. Aber sie hatte Angst vor uns und verkroch sich in den Ruinen. Wir mussten sie irgendwie aus diesen Trümmern herausholen und waren bestimmt eine halbe Stunde da, auch wenn die Gefahr immer grösser wurde. Wir wussten, dass das die einzige Möglichkeit war. Denn am nächsten Tag wäre die Katze wahrscheinlich schon gestorben. Sie war so dehydriert, so dünn …

Mit viel Geduld und viel Ruhe haben wir es dann endlich geschafft. Das sind dann diese Momente, die einem wirklich die Bestätigung geben, dass wir alles schaffen können – durch die Hilfe von Spendenden und von PETA. Mit der Hilfe von Menschen, die wirklich aktiv helfen, das Leben von Tieren zu verändern.Es geht nicht darum, dass man irgendwie die ganze Welt verändert, sondern wirklich um das einzelne Lebewesen, das auch eine Berechtigung hat im Leben – und man kann aktiv dieses Leben zum Positiven verändern.

Und da kommt man auch zurück auf die Frage, wie man mit der Situation an der Front umgeht. Wie kann man mit dieser Gefahr leben? Und das ist genau so ein Schlüsselmoment, warum Leute immer noch diese Arbeit machen.

PETA: Gibt es abschliessend noch etwas, das du den Menschen, die uns unterstützen, gerne sagen möchtest?

Simone: Ohne die Unterstützenden wäre die Arbeit gar nicht möglich. Also wirklich, es ist unfassbar, was Hilfe von aussen bewirken kann. Von PETA, von den Unterstützenden und Spendenden – da sieht man, dass die Hilfe von aussen genauso wichtig ist wie die Hilfe vor Ort. Es ist eine Gruppendynamik und jeder hat seinen Platz darin. Die Hilfe, die von aussen kommt, die ist überlebensnotwendig. Die Rettungen sind nur ein Teil, aber dann müssen die Tiere auch versorgt und vermittelt werden. Wir sind so dankbar, dass so viele Unterstützende da draussen sind und wirklich an die Arbeit glauben. Und dafür ein riesengrosses Dankeschön.

Wir von PETA danken Simone, Animal Rescue Kharkiv, sämtlichen weiteren mutigen Menschen, die ihr Leben riskieren, um Tiere in Not zu retten, sowie allen Unterstützenden. Denn ohne die Hilfe aller Beteiligten wäre diese wichtige Arbeit nicht möglich.

PETAs grösstes karitatives Projekt: PETA HELPS UKRAINE

PETA HELPS UKRAINE ist das grösste karitative Projekt, das in der über  30 Jahre langen Geschichte von PETA Deutschland aufgebaut wurde. In den letzten vier Jahren konnten im Rahmen des Programms Tausende Tiere gerettet, behandelt und vermittelt werden:

  • Über 30´000 gerettete Tiere, die nun ein schönes Leben haben
  • Behandlung von 16´681 Tiere in den Kliniken 
  • 3´430´450 Kilometer, die das Teaminder Ukraine und Europa im Einsatz für die Tiere zurückgelegt hat
  • Rund 25 bis 30 Prozent der Tiere konnten mit ihren ursprünglichen Halter:innen in der Ukraine und auch in Europa wieder vereint werden.
  • 1´900´000 Kilogramm Tiernahrung, die PETA  mit Hilfe der Unterstützenden finanziert hat inklusive dem Transport von Tonnen an Sachspenden, die grosse Firmen gespendet haben.

Im Jahr 2025 war das Team vor allem in vier Regionen im Einsatz:

  • Charkiw,
  • Donezk,
  • Sumy,
  • Dnipro

Neben Hunden und Katzen konnten 263 Pferde, Kühe, Ziegen, Esel, Hasen und andere Tiere sowie 15 Menschen gerettet werden.

So können Sie Tieren in Not in der Ukraine helfen

In der Ukraine sind weiterhin zahllose Tiere auf unsere Hilfe angewiesen. Mit Ihrer Spende tragen Sie dazu bei, die wichtige Arbeit von Animal Rescue Kharkiv aufrechtzuerhalten und ermöglichen es, dass Tiere an der Front dringend benötigte medizinische Hilfe bekommen, Nahrung erhalten und ein neues Zuhause finden.

Helfen Sie notleidenden Tieren in der Ukraine – denn jede Spende macht einen Unterschied.